Krise als Turbo: Tesla nutzt seine Chance

+ aus der Praxis: Don’t buy the News!

von Henning Lindhoff, Redakteur Der Privatinvestor, am Montag, den 8. Juni 2020.

Im Mai wurden 2,5 Mio. neue Arbeitsplätze in den USA geschaffen. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt nun bei 13 Prozent. Auch diese Zahlen haben sicherlich den Aktienmarkt Ende vergangener Woche weiter gepusht. Wir beobachteten zuletzt hohe Mittelzuflüsse in Unternehmensanleihen der Schwellenländer, aber auch aus den USA in Richtung europäischer Aktien. Die Bullen laufen ungebremst weiter.

Von Jeremy Grantham habe ich Ihnen an dieser Stelle schon mehrfach berichtet. In der „Financial Times“ widersprach der Value Investor nun vor wenigen Tagen den Bullen und warnte vor einer „Spirale des Optimismus“. Die Spanne zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft sei so groß wie nie zuvor, weshalb er selbst nun auf sinkende Kurse setze.

Kann die Konjunktur einfach wieder angeknipst werden?

Analysten von Morgan Stanley glauben weiterhin an eine V-förmige Erholung. Die Entwicklung des Nasdaq gibt ihnen zumindest in Bezug auf die Finanzmärkte recht. Doch es stellt sich die Frage, was die Börsen aktuell repräsentieren. Nehmen sie die konjunkturelle Erholung in der Realwirtschaft vorweg? Oder spiegeln sie doch eher die rasant wachsenden Bilanzen der Notenbanken wider?

Letzteres bejahen Analysten der Citigroup. Sie mahnen an, dass die aktuellen Gewinnschätzungen für 2021 viel zu hoch seien. Der aktuellen Rallye sollten Investoren nicht hinterherlaufen. Auch viele Hedgefonds halten sich noch zurück. Der Druck auf ihre Asset Manager wächst natürlich angesichts eines sich ebenfalls erholenden MSCI World Index.

Auch die Großinvestoren können den seit Jahren anhaltenden Tech-Trend nicht komplett ignorieren. Die hochkapitalisierten Internet-Unternehmen wie Amazon, Facebook und Netflix begeben sich mittlerweile wieder auf Rekordjagd. Entsprechend gut läuft es auch beim TecDAX, der ein wenig am Schlepptau des amerikanischen Nasdaq hängt.

Doch jüngere Anzeichen sprechen auch dafür, dass manche Unternehmen aus den alten Industriebranchen eine Aufholjagd starten werden. In Deutschland sind diese Dinosaurier überrepräsentiert. Sehr ähnlich stellt sich das Bild in Japan dar. Hier hatte der Nikkei Index zuletzt einen guten Lauf. Das Land ist relativ gut verschont geblieben von Covid-19 und es finden sich noch einige Unternehmen mit soliden Bilanzen. Gerade in der Krise kommt es auf solch stabile Fundamente ganz besonders an.

Tesla hat es einfacher: Krise als Chance

Forschung und Entwicklung ist ein anderes Standbein, das während der Pandemie an Bedeutung gewinnt. Nehmen wir beispielsweise die Autoindustrie: Deutsche Schwergewichte wie BMW, Daimler und Volkswagen haben mit Altlasten zu kämpfen und müssen Kosten reduzieren, während Tesla seinen ohnehin großen technischen Vorsprung noch weiter ausbauen kann.

Das Model 3 verbraucht nahezu 10 Prozent weniger Strom auf 100 Kilometer als das Elektro-Vorzeigeprojekt ID.3, das Volkswagen für den Sommer angekündigt hatte. Das nunmehr seit 8 Jahren produzierte Model S von Tesla ist 20 Prozent effizienter als der Audi e-tron. Teslas Antriebsstränge kosten pro Auto rund 3.000 EUR weniger als die der deutschen Konkurrenz.

Und dank des florierenden Online-Handels verkaufte sich das Model 3 im März 2020 auch innerhalb Europas deutlich häufiger als alle Diesel- und Benzin-Fahrzeuge von Volkswagen.

Nun verdient Tesla sogar Geld

Mit Blick auf die vergangenen 12 Monate liegt die operative Marge bei 3,23 Prozent. Der operative Cashflow liegt bei 2,6 Mrd. USD und der Free Cashflow bei 992 Mio. USD. Währenddessen wurden die langfristigen Verbindlichkeiten deutlich gesenkt, das Current Ratio auf 1,24 gesteigert.

TUI will sich gesundschrumpfen

Die Touristikbranche kann sich aktuell gerade so über Wasser halten. Bei TUIfly stehen 700 Arbeitsplätze und die Standorte Köln, Bremen und Münster-Osnabrück zur Diskussion. Nach dem Darlehen der Förderbank KfW in Höhe von 1,8 Mrd. EUR sollen bereits weitere Anträge in Arbeit sein. Die Abnahme neuer Boeing-Maschinen des Typs Max 737 wurde nach hinten verschoben. Nachdem Auftraggeber wie Eurowings ebenfalls Flottenkürzungen angekündigt haben, muss sich TUIfly zukünftig wieder verstärkt auf das hausinterne TUI-Geschäft konzentrieren.

Im ersten Quartal 2020 schrumpfte der TUI-Umsatz um mehr als 10 Prozent. Die Verschuldung wurde deutlich nach oben getrieben. Das Umlaufvermögen deckt nur noch rund die Hälfte der kurzfristigen Verbindlichkeiten. Doch eine Ende ist nicht in Sicht. Die Corona-Monate April bis Juni werden den Konzern sicherlich noch härter getroffen haben.

Profitiert Slack vom Zoom-Effekt?

Interessantere Investments finden wir weit ab der Touristik-Branche. Der Bürokommunikations-Dienst Slack steigerte seinen Umsatz in dem Ende April abgeschlossenen ersten Geschäftsquartal um 49,57 Prozent auf 201,7 Mio. USD. Für Branchenkenner eine Enttäuschung. Nicht wenige hatten mit deutlich höherem Wachstum gerechnet. Der Verlust im ersten Quartal belief sich auf 74,4 Mio. USD.

In den vergangenen 12 Monate erwirtschaftete Slack jedoch zum ersten Mal einen positiven operativen Cashflow. Auch der Free Cashflow kommt den schwarzen Zahlen immer näher.

Die Bilanz ist für ein solch junges Tech-Unternehmen erfreulich solide. Die kurzfristigen Verbindlichkeiten wurden im ersten Quartal nochmals reduziert, die Cash-Position erhöht. Das Current Ratio liegt aktuell bei 3,32.

Mit Hilfe von Amazon Web Services will Slack die eigenen Dienste in Zukunft optimieren und für eine engere Verzahnung mit den B2B-Diensten von Amazon sorgen. In Sachen technischer Performance und bei der Gewinnung neuer Nutzerkreise bietet dieses Vorhaben interessantes Potenzial.

Der Privatinvestor Podcast #16

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Don’t buy the News!

U, V, W oder L? Oder doch ganz anders? Das in den Wirtschaftsmedien rauf und runter zitierte Alphabet der Wirtschaftserholung wird immer länger. Nur eines ist gewiss: Makroökonomische Entwicklungen liegen außerhalb unserer Kontrolle.

Was wir beeinflussen können, ist unser persönliches Anlageverhalten. Wenn Sie Ihre Strategie langfristig auslegen, werden kurzfristige Marktschwankungen, die durch Angst und Gier verursacht werden, wenig Einfluss auf Ihren Börsenerfolg haben. Sie müssen nicht darauf verzichten, zu wissen, was in der Welt geschieht, aber Sie sollten sich genau überlegen, von wem Sie sich beraten lassen.

Das Erfolgsrezept für Investitionen besteht darin, über die Unternehmen, an denen Sie interessiert sind, genau Bescheid zu wissen und Ihr Geld dann zu investieren, wenn Sie Ihre Nachforschungen abgeschlossen haben.

Vergessen Sie nicht: Auch Finanzmedien müssen Aufmerksamkeit generieren – die Währung des Internets.

Je besser es Ihnen persönlich gelingt, den auf diesem Weg entstehenden Lärm auszublenden, desto erfolgreicher werden Sie als Investor sein.

Einen erfolgreichen Start in die Börsenwoche wünscht Ihnen

Ihr

Henning Lindhoff 🙂

Redakteur Der Privatinvestor

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