Fraport muss sparen. Softbank muss verkaufen.

+ aus der Praxis: Ist Robinhood das neue Tipico?

von Henning Lindhoff, Redakteur Der Privatinvestor, am Donnerstag, den 18. Juni 2020.

Die Berichtssaison läuft langsam wieder an. Corona-bedingt schauen wir mit besonderer Spannung auf die kommenden Zahlen. Der Lampenhersteller Osram rechnet für sein drittes Geschäftsquartal, das am 30. Juni enden wird, aktuell mit einem Umsatzminus von bis zu 35 Prozent. Das Gesamtjahr 2020/21 soll mit einem Umsatzminus von bis zu 19 Prozent enden. Die schwache Nachfrage der Automobilhersteller nannte das Management als Hauptgrund der Misere. In den letzten 3 Jahren hat sich die Höhe der kurzfristigen Verbindlichkeiten merklich erhöht. Das Current Ratio liegt für die letzten 12 Monate bei 1,01. Dennoch ist die Bilanz mit einer Schuldenquote von 0,14 solide. In den letzten 12 Monaten wurde auch wieder ein deutlich positiver Free Cashflow erwirtschaftet. Mit einer Dividende ist dennoch nicht zu rechnen.

Oracle vermeldete einen um 6 Prozent gefallen Umsatz für den Zeitraum März bis Mai. Der Nettogewinn sank um 17 Prozent auf 3,1 Mrd. USD. Das Cloud-Geschäft konnte die negative Entwicklung etwas abfedern, doch in der Krise wurden einige Aufträge verschoben oder storniert. Der Free Cashflow ist dennoch stabil bei rund 12 Mrd. USD. Die Dividende wurde sogar auf 0,96 USD erhöht. Die Payout Ratio ist mit 31,2 Prozent recht niedrig. Die langfristigen Schulden lasten jedoch schwer auf der Bilanz. Die Schuldenquote liegt bei 3,46.

Deutlich besser läuft es für Zalando – glaubt man zumindest der Pressestelle. Der Modehändler aus dem MDAX rechnet mit „deutlich besseren“ Zahlen für das zweite Quartal, verglichen mit den Erwartungen von Analysten. Branchenexperten hatten zuvor mit einem Umsatzplus von 16 Prozent gerechnet. Konkrete Zahlen zum zweiten Quartal werden am 16. Juli veröffentlicht.

Flughafenbetreiber Fraport kündigte an, in den kommenden Jahren zwischen 3.000 und 4.000 Arbeitsplätzen abzubauen. CEO Stefan Schulte rechnet mit einer „Normalisierung“ des Geschäfts erst ab 2023. Die Bilanz ist mit einem Current Ratio von 1,09 und einer Schuldenquote von 1,2 nicht sonderlich stabil. Ein positiver Free Cashflow wird seit drei Jahren nicht mehr erwirtschaftet. Um die Aktionäre dennoch bei der Stange zu halten, wurde die Dividende zuletzt 2019 auf 2 EUR pro Anteilsschein erhöht.

Auch Volvo, Nutzfahrzeughersteller aus Schweden, baut Stellen ab: insgesamt 4.100. Das Management rechnet mit einer mittelfristig stagnierenden bis fallenden Nachfrage. Die ersten Kündigungen sollen bereits im zweiten Halbjahr 2020 ausgesprochen werden.

Nach der aktuellen Studie „Global Automotive Outlook 2020“ von AlixPartners sollen die weltweiten Autoverkäufe in diesem Jahr um 20 Mio. geringer ausfallen als in 2019. „Als wäre ein Markt von der Größe Europas über Nacht verschwunden”, so die düstere Beschreibung im Bericht. Dabei liegen die wirklich guten Zeiten schon einige Monate zurück. Der automobile Vertriebshöhepunkt war bereits 2017 mit weltweit 94 Mio. verkauften Pkw erreicht worden. Aus der aktuellen Krise werde vor allem Tesla als Gewinner emporklimmen. Den stärksten Einbruch prognostizierten die Analysten auf dem europäischen Markt – ein sattes Minus von 32 Prozent.

Der japanische Mischkonzern Softbank steht weiter unter hohem Druck seiner Investoren. Um die Verluste des vergangenen Geschäftsjahres zu kompensieren und die Schuldenlast zu senken, sollen nun milliardenschwere Anteile an T-Mobile USA feilgeboten werden. Zum aktuellen Kurs ist das Aktienpaket derzeit mehr als 30 Mrd. USD wert. Auch andere Beteiligungen stehen auf der Verkaufsliste.

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Chiphersteller preschen vor

Qualcomm hat mit dem Snapdragon 690 einen neuen Prozessor mit 5G-Modem für Mittelklasse-Smartphones in der Preisklasse von 400 bis 600 EUR vorgestellt. Erste Endgeräte erwartet das Unternehmen für die zweite Hälfte 2020, unter anderem von Nokia, Motorola und LG. Gefertigt wird der Chip im 8-nm-Verfahren von Samsung. Die neue Lösung erreicht im Snapdragon 690 maximale Transferraten von 2,5 GBit/s im Down- und 660 MBit/s im Upstream. Qualcomms Free Cashflow wuchs in den letzten Jahren ordentlich. Die Dividende wurde regelmäßig erhöht, jedoch bei einer recht hohen Payout Ratio von aktuell 73,4 Prozent. Die Schuldenlast liegt mit einer Quote von 4,42 für das letzte Quartal jedoch schwer. Die 2018 sprunghafte gestiegen langfristige Verschuldung konnte bis heute nicht signifikant gedrückt werden.

Konkurrent AMD hat eine neue Mobil-GPU für Apples MacBook Pro vorgestellt: die Radeon Pro 5600M. Sie setzt auf 8 GByte HBM2-Speicher anstatt GDDR6-RAM. Wichtigster Fortschritt: HBM2-RAM benötigt bei vergleichbarer Leistung weniger Strom und Platz als GDDR6. Statt acht Speicherchips um den GPU-Träger herum zu platzieren, sitzen die zwei HBM2-Stacks direkt neben dem Grafikchip.

Umstritten bleibt derweil die Frage, inwieweit Huawei auf dem deutschen 5G-Markt mitspielen darf. Nach Berechnungen der Deutschen Telekom würde ein Ausschluss des chinesischen Unternehmens Mehrkosten in Höhe von 3 Mrd. USD bedeuten. Zudem wären technische Rückschritte bei 4G die Folge.

Cloud-Anbieter Dropbox erweitert seine Feature-Palette um automatische Rechner-Backups und eine Passwortverwaltung. Zudem wurde eine Art digitaler Tresor für wichtige Dokumente angekündigt, den Nutzer gegebenenfalls auch ausgewählten anderen Nutzern öffnen können.

Am vergangenen Dienstag startete Facebook seinen neuen Bezahldienst WhatsApp Pay. Den Anfang dürfen Nutzer in Brasilien machen. Der Kundenkontakt für Unternehmen wird auf diesem Wege deutlich erleichtert. Für eine Transaktion muss der Service-Chat nicht mehr verlassen werden.

Ein anderes Tool aus dem Hause Zuckerberg wird bald womöglich wichtigste Nachrichtenquelle der Welt: Instagram. Zu diesem Schluss kommt der diesjährige Digital News Report von Reuters. 30 Prozent der Befragten gaben an, soziale Medien als wichtigste Nachrichtenquelle zu sehen. Besonders Instagram stach in den Antworten hervor. Über alle Altersgruppen hinweg verdoppelte sich der Nachrichtenkonsum via Instagram seit 2018. Die Corona-Krise stärkte diesen Trend.

Aktienwette statt Sportwette?

Die vergangenen Woche waren sehr arm an sportlichen Highlights. Corona und Lockdowns machten auch den bekannten Wettanbietern eine  dicken Strich durch die Rechnung. Doch die Kundschaft will weiter zocken. Profitiert haben davon womöglich auch neue Trading-Plattformen wie Robinhood. Dank geschickten Affiliate-Marketings (neu vermittelte Kunden erhalten eine kostenlose Aktie im Wert von maximal 10 USD ins Depot) und kostenloser Transaktionen meldeten sich im März und April drei Millionen neue Kunden an. Rund zwei Millionen Kunden sind täglich auf Robinhood aktiv. Und obwohl institutionelle Anleger weiterhin den Großteil aller täglichen Investitionen stemmen, hat der Robinhood-Anteil an den weltweiten Transaktionen doch schon ein paar Spuren hinterlassen. Seit der letzten Finanzierungsrunde wird das Start-up mit rund 8,3 Mrd. USD bewertet.

Die Kundenstamm-Demographie von Robinhood erinnert durchaus an die der Sportwettanbieter: männlich, zwischen 25 und 34 Jahren alt. Zudem ist der Aufbau der App auf dem Smartphone und ihre Funktionsweise kaum mit klassischen Handelsplattformen vergleichbar. Geschickt verbindet die App Spiel und Wette.

Und noch ein Indiz: Die Aktie von DraftKings wurde im vergangenen Monat so oft in Robinhood-Portfolios aufgenommen wie kaum ein zweites Unternehmen. Was macht DraftKings? Es bietet sogenannte Fantasy-Sports-Ligen an, in den sich Sportenthusiasten online als Manager betätigen können.

Aber auch zwei weitere, auf ihre Art interessante, Aktien wurden bislang besonders gerne gehandelt auf Robinhood: Der Autovermieter Hertz, der in den USA Gläubigerschutz beantragt hat, sowie Nikola.

Was macht Nikola? Das Unternehmen baut Elektro-Lkws… Oder will sie eines Tages bauen… Aktuell steht der Umsatz bei genau 0 USD. Dennoch war das Unternehmen an der Börse zeitweise 34 Mrd. USD teuer. CEO Trevor Milton tönt von Pick-up-Plänen und einem Großangriff auf Ford. Doch verpflichtende Orders von zahlungsbereitenden Kunden gibt es aktuell nicht.

Robinhood ist kein Einzelfall. Seit es Börsen gibt, werden sie auch von Wettfreudigen und Spielern genutzt, um das schnelle Geld zu machen. Ein anderes Beispiel unserer Zeit ist Plus 500. Der Online-Dienstleister für den internationalen Handel mit Contracts for Difference (CFDs) hat für sein erstes Quartal 2020 ein sensationelles Ergebnis vorgelegt. In den drei Monaten wurden bereits 90 Prozent der Einnahmen erzielt, die im gesamten letzten Jahr erzielt werden konnten. Mehr Kunden, höhere Kundenaktivität und niedrigere Akquisitionskosten halfen dabei.

Anzeichen für Glücksspiel treten bei Plus 500 noch etwas deutlicher zutage als bei Robinhood. Die Haltedauer von CFDs ist extrem gering, liegt bei weniger als einer Stunde im Durchschnitt. In der gesamten Branche verlieren rund 80 Prozent der Kunden ihr Geld.

Robinhood: Segen oder Fluch für Privatanleger?

Könnte es nun sein, dass Robinhood den Markt so verzerrt, dass eine nachhaltige Investmentstrategie unmöglich wird? Nein.

Immerhin hat die Plattform viel dafür getan, Transaktionskosten deutlich zu senken. Die gesamte Branche muss sich an dieser neuen Preispolitik orientieren. Und mit Smartbroker gibt es bereits eine deutsche Plattform, die einen ähnlichen Weg geht.

Geringe Kosten beim Einkauf gehören zum A und O des Börsenerfolgs.

Jedes Unternehmen, das hilft, die Kosten zu senken, ist eine große Hilfe für uns Anleger. Und letztendlich ist auch Robinhood nur ein Werkzeug. Die DraftKings-Aktie können Sie auch über Ihre Hausbank kaufen. Sie können via Robinhood aber auch die Tipps und Strategien aus unserem Börsenbrief umsetzen. Wie Sie solche und andere Tools einsetzen, obliegt ganz allein Ihnen.

Ich wünsche Ihnen erfolgreichen Tag!

Ihr

Henning Lindhoff

Redakteur Der Privatinvestor

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