Facebook vs. Amazon: Zalando als lachender Dritter?

+ aus der Praxis: 4 Fragen zur Analyse des Aufsichtsrats

von Henning Lindhoff, Redakteur Der Privatinvestor, am Dienstag, den 23. Juni 2020.

Schlechte Nachrichten sind keine Nachrichten. Die steigenden Infektionszahlen in den USA, neue Ausbrüche in Südkorea und die lokalen Hotspots in Europa werden geflissentlich ignoriert. Neue Kurstiefs an den Börsen werden gefeiert. Immer mehr Privatanleger steigen jetzt ohne fundamentale Analysen ein. Neue Trading Apps wie Robinhood verzeichnen Rekordzugriffe. Und die Bilanzen der Notenbanken wachsen munter an. Sehen wir also schon eine neue Spekulationsblase?

Die US-Einzelhandelsumsätze stiegen im Mai stärker als erwartet und machten einen wesentlichen Teil der Verluste des Vormonats wieder wett. Nichtsdestotrotz signalisieren die BIP-Schätzungen für das zweite Quartal ein Minus von rund 30 Prozent. Andere Wirtschaftsdaten, wie die wöchentlichen Arbeitslosenanträge, unterstreichen weiterhin die enormen Belastungen der Krise. Die in den USA als sehr wichtig wahrgenommene Zahl der Eigenheimverkäufe ist im Mai weiter deutlich gefallen. Nach Angaben der National Association of Realtors wurden 340.000 Häuser weniger verkauft als im Mai 2019. Das ist der stärkste Rückgang seit der Finanzkrise 2008. Im Bericht wird eine pandemiebedingte „Flucht in die Vorstädte“ diagnostiziert. Home Office macht es möglich.

Und damit kommen wir auch schon zu einer Betongold-Aktie: TAG Immobilien aus dem MDAX. Das Portfolio des Unternehmens umfasst rund 84.000 Mietwohnungen – vor allem im Osten Deutschlands. Trotz dieser Menge schafft es das Management, die Zahlen relativ verständlich aufzubereiten und transparent zu kommunizieren. Ein bisschen Wachstumsmusik liegt noch dank einiger potenzieller Übernahmen in der Luft. Die Eigenkapitalrendite liegt bei gut 20 Prozent, die Gesamtkapitalrendite bei 8,17 Prozent. Über die letzten 10 Jahre wuchs der Umsatz um 14 Prozent pro anno, der Bruttogewinn um 7,43 Prozent. Auch der Free Cashflow konnte in den letzten Jahren stetig gesteigert werden, liegt aktuell bei 0,91 EUR pro Aktie. Insgesamt ist TAG Immobilien eine solide Aktie. Die Bilanz ist mit einem Current Ration von 1,52 und einem Verschuldungsgrad von 1,07 akzeptabel. Für diese kapitalintensive Branche sind das gute Werte. Auch als Dividendentitel ist TAG interessant. In den letzten 9 Jahren wurde die Ausschüttung stets angehoben. Zurzeit liegt sie 0,75 EUR pro Anteil, ist also gut gedeckt vom Free Cashflow. Bezogen auf den Gewinn liegt die Payout Ratio bei 75 Prozent, die aktuelle Dividendenrendite bei 4 Prozent.

Gestern hatte ich Ihnen bereits vom ewigen Hahnenkampf zwischen Facebook und Amazon berichtet. Zuckerbergs Shop-Angebot sorgt für neuen Wirbel. Auf diesem Segment ist nicht nur Amazon der Angegriffene. Auch Zalando muss aufpassen. Mitten in der Finanzkrise als reiner Modehändler gegründet und 2014 an die Börse gebracht, zählt der Modehändler mittlerweile zu den stärksten Titeln im MDAX und starker Amazon-Konkurrent.

Die Zahlen zum ersten Quartal 2020 verdeutlichten bereits die gestiegene Nachfrage während des Lockdowns. Ein aktueller Zwischenbericht zur Krise verweist nun auf die um 17,8 Prozent gestiegene Zahl der Bestellungen. Die Zahl der Neukunden ist im April um 40 Prozent gestiegen. Im Schnitt lassen die Kunden 56 EUR pro Einkauf in den Kassen der Mode-Plattform. Gewinn jedoch wird nicht erzielt. Der Cashflow wird komplett für mehr Wachstum investiert. Entsprechend sank der Operative Cashflow für die letzten 12 Monate auf 125 Mio. EUR. Der Free Cashflow ist negativ.

In den letzten 5 Jahren wuchs der Umsatz um 23,97 Prozent pro anno, der Nettogewinn jährlich um 16,18 Prozent. Wer nun auf hohe Schulden spekuliert, liegt jedoch falsch. Das Current Ratio liegt bei gesunden 1,52 und die langfristigen Verbindlichkeiten machen gerade einmal die Hälfte des Eigenkapitals aus. Allerdings ist der Verschuldungsgrad seit 2018 wieder deutlich gestiegen und sollte von Aktionären genau im Blick behalten werden. Auf dem Wachstumspfad der letzten Jahre – weg vom Händler-Image, hin zum Plattform-Gedanken – wurde auch die Cash-Position deutlich heruntergefahren. Von ihrem Höchststand des Jahres 2014 ist sie weit entfernt. Liquidität macht aktuell 24,51 Prozent der Zalando-Bilanz aus. Für das 2. Quartal „warnt“ das Management vor einem signifikanten Umsatzsprung. Die Plattformstrategie wird noch konsequenter als früher umgesetzt, das Partnerprogramm entsprechend erweitert. Zalando kooperiert seit Corona auch verstärkt mit dem lokalen Handel, dessen Geschäfte deutlich leerer sind als zuvor. Statt via eBay oder Amazon sollen die Kunden ihre Lieblingsboutiquen auf Zalando besuchen. Alles in allem ein interessanter Wachstumstitel und spannender Amazon-Konkurrent. Mit Blick auf den Abstieg von Wirecard ergibt sich nun sogar vielleicht eine Aufstiegschance in den DAX.

Volkswagen will sich ein Stück weit unabhängiger machen von Google dessen System Android Auto. Mit vw.os entwickelt der Autobauer ein eigenes Betriebssystem für die Cockpits in seinen Fahrzeugen. Kunden können damit ihre Apps vom Smartphone direkt auf das Display im Fahrzeug bringen. Vor allem Datenschutzgründe brachte das Management gegen eine weitere Kooperation mit Google vor. Das eigene System soll zu großen Teilen als Open-Source-Projekt auch anderen Herstellern zur Verfügung gestellt werden. Von den Assistenzsystemen über Einparkhilfen und Ladetechnologien bis zur Unterhaltung der Fahrgäste soll vw.os alles abdecken können. Investitionen in Höhe von 7 Mrd. EUR bis zum Jahr 2025 wurden veranschlagt. Doch ganz ohne Google wird es auch Volkswagen nicht schaffen. Auch vw.os wird auf dem Linux-Derivat Android basieren.

Fujitsu rüstet Japans neuen Supercomputer mit Prozessoren von ARM aus. Mit 415 Petaflops setzt sich „Fugaku“ ganz klar an die Spitze der neuen Top-500-Liste der weltweiten Supercomputer. Das System ist rund 2,8-mal so schnell wie der bisherige Spitzenreiter, der US-amerikanische Summit von IBM.

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Am kommenden Freitag, den 26. Juni sprechen wir ausführlich über Wirecard.

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Gaming-Legende Nintendo wird von seinen bisherigen Plänen im Mobil-Bereich abrücken. Als einer der Gründe dafür nannte das Management die enttäuschenden Umsätze des Smartphone-Spiels Super Mario Run im Vergleich zu anderen Gaming Apps in den vergangenen Monaten. Die Umsätze seien im Gegensatz zur Konkurrenz deutlich gefallen. Vor zwei Jahren hatte Shuntaro Furukawa, der aktuelle Präsident von Nintendo, noch verkündet, dass Nintendo plane, drei Smartphone-Spiele pro Jahr zu veröffentlichen und einen Jahresumsatz von 1 Mrd. USD prognostiziert.

Nintendo gilt zwar als „Bleib-zu-Hause-Aktie“, doch der Gesamtumsatz sank trotz Corona im vergangenen Quartal um 4,88 Prozent. Die Konkurrenz durch Sony und Microsoft macht den Japanern das Leben schwer. In den vergangenen 10 Jahren fiel der Umsatz um 4,17 Prozent pro anno, der Bruttogewinn um 8,53 Prozent, der Nettogewinn um 3,57 Prozent. Der Free Cashflow zumindest konnte 2019 wieder leicht um 12 Prozent steigen, wird aktuell mit umgerechnet 2,6 Mrd. USD beziffert. Die Bilanz des Unternehmens ist stark. Das Current Ratio liegt bei 4,10. Die liquiden Mittel machen 57 Prozent der Buchwerte aus. Für Zukunftsinvestitionen ist Geld vorhanden. Doch dafür muss mehr kommen als das Mario-Franchise. Die neue Konsole Switch konnte in den letzten 3 Jahren Fans zurückholen. Doch gerade technisch hat Nintendo in der letzten Dekade wenig vorangebracht, während die Konkurrenten auf- und überholten.

Und schon sind wir wieder beim Thema Management. Mit dieser Brille auf der Nase erkennt man viel Interessantes bei so manchem Unternehmen – auch bei Nintendo. Wie schaut hier das Board of Directors aus? Schließlich sollte dieser Aufsichtsrat die Interessen der Aktionäre vertreten.

Insgesamt sehen wir bei Nintendo 8 Direktoren, angeführt von Shuntaro Furukawa und Satoru Shibata, der auch im Board der Pokémon-Franchise sitzt. Wie bei jedem anderen Großkonzern auch, stellt sich hier die Frage, wie unabhängig und aktionärsorientiert diese Aufseher wirklich sind…

Wir Anleger sollten uns bei jedem zu analysierenden Unternehmen auch diese 4 Fragen stellen:

  1. Profitieren die Aufsichtsräte finanziell durch ihren Aktienbesitz am Unternehmen oder durch die Honorare für ihre Teilnahme an den Board-Sitzungen?
  2. Wäre das Board, wenn nötig, tatsächlich bereit, dem CEO zu widersprechen oder ihm sogar zu kündigen?
  3. Sind die Aufsichtsratsmitglieder Günstlinge der Geschäftsführung oder tatsächlich qualifiziert?
  4. Haben sie früher vielleicht für weniger überzeugende Unternehmen gearbeitet?

Warren Buffett pflegt hinsichtlich des Aufsichtsrats eine radikale Meinung und spricht sich dafür aus, dass die Befugnis über wichtige Unternehmensentscheidungen wie Fusionen und Übernahmen bei den Aktionären liegen sollte. Er geht sogar so weit, den Aufsichtsrat als Teil des Managements zu sehen statt als Vertreter der Aktionäre.

Wie aggressiv Sie hier analysieren, liebe Leser, liegt bei Ihnen. Ein kritischer Blick auf Management und Board gehört in jedem Fall zum A und O einer soliden Unternehmensbewertung.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Henning Lindhoff

Redakteur Der Privatinvestor

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