Die „Big 5“ pushen die Rallye

+ aus der Praxis: Verschuldung als Kriterium für den Management-Test

von Henning Lindhoff, Redakteur Der Privatinvestor, am Donnerstag, den 25. Juni 2020.

Der Nasdaq Composite Index genießt zurzeit sein bestes Quartal seit 1999, getrieben von den großen Tech-Playern. Gestern liefen die Märkte jedoch etwas schwächer. Der Grund aus Sicht kreativer Nachrichtensprecher: SARS-CoV-2. In den Tagen zuvor wollten viele die weltweiten steigende Zahlen der Neuinfektionen noch nicht sehen, nun spielen sie angeblich schon wieder eine wichtige Rolle für die Börsen. Gründe für alles finden sich immer überall…

Die „Big 5“ dominieren den Aufschwung seit mehr als 2 Jahren

Die Marktkapitalisierung der fünf größten Tech-Unternehmen zusammen – Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet und Facebook – stieg bis zum gestrigen Mittwoch auf 6,07 Bio. USD. Seit ihrem gemeinsamen Tiefststand am 16. März ist ihre Marktkapitalisierung um mehr als 50 Prozent in die Höhe geschnellt. Das ist ein Anstieg um 2,1 Bio. USD in wenig mehr als drei Monaten. Seit Januar 2017 ist die Marktkapitalisierung der „Big 5“ sogar um 164 Prozent gestiegen.

Nun zur Einordnung: Der Wilshire 5000 Market Cap Index umfasst 3.451 in den USA börsennotierte Unternehmen. Am gestrigen Mittwoch schloss er mit 31.105,62 Punkten. Jeder Punkt entspricht dabei einem Gegenwert von 1,2 Mrd. USD. Die gesamte Börsenkapitalisierung, gemessen am Wilshire 5000 Market Cap Index, beläuft sich damit aktuell auf 37,3 Bio. USD. Seit seinem Tief im März 2020 kletterte der Index um mehr als 38 Prozent.

Gemessen am Wilshire 5000 Market Cap Index machen die „Big 5“ rund 16,2 Prozent der US-Börsenkapitalisierung aus. Im Januar 2017 lag ihr Anteil noch bei 10 Prozent. Nehmen wir nun diese fünf größten Aktien aus dem Index heraus, erhalten wir einen Rest von 31,2 Bio. USD. Gegenüber dem Tiefststand im März ist dieser Rest um 28,4 Prozent gestiegen. Obwohl dieser Zugewinn für eine dreimonatige Rallye stark ist, spielen die „Big 5“ mit einem Sprung von 50 Prozent doch in einer anderen Liga.

Der Knackpunkt kommt noch: Ohne Facebook, Amazon, Alphabet, Amazon und Microsoft liegt der Wilshire 5000 Market Cap Index noch immer unter seinem Höchststand vom 20. Februar 2020. Seit Januar 2018 bereits hat der Index ohne die „Big 5“ nichts hinzugewonnen.

Dies im Hinterkopf wollen wir uns nun ein paar Einzeltiteln widmen…

Amazon rüstet seine Web Services auf. Neu im Portfolio des Cloud-Segments ist ein „Rechner für raue Bedingungen“ namens Snowcone. Er dient der Verarbeitung und dem Transport von Daten direkt am Einsatzort, ausgestattet mit 2 Hauptprozessoren, 4 GByte Arbeitsspeicher, 8 TByte Festplattenspeicher und einer USB-Stromversorgung. Als typische Einsatzszenarien werden extreme Standorte genannt, die keinen Netzzugriff haben, beispielsweise Ölbohrplattformen, Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, Krankenhäuser, aber auch Militäreinrichtungen.

Auch seine Prime-Kunden will Amazon zukünftig Neues bieten: Live-Sendungen. Das geht aus aktuellen Stellenangeboten des Konzerns hervor, in denen Mitarbeiter für die Produktion von Nachrichten-, Sport- und Musiksendungen gesucht werden.

Facebook muss derweil eine Schlappe in Brasilien hinnehmen. Bereits kurz nach seinem Start muss WhatsApp Pay pausieren. Die Zentralbank will zunächst die Auswirkungen auf den Zahlungsverkehr und den Datenschutz analysieren. Facebook verteidigt seinen Standpunkt, die App sei ein reiner Vermittler und benötige keine Genehmigung der Zentralbank oder anderer Behörden. Mastercard und Visa wurden bis auf weiteres dazu aufgefordert, von WhatsApp Pay übermittelte Transaktionen nicht auszuführen.

In Deutschland versucht Facebook seinem chinesischen Konkurrenten Bytedance Paroli zu bieten. Mit einem Upgrade will Mark Zuckerberg seine App Instagram so weit aufmöbeln, dass es mit der, unter jungen Menschen immer beliebter werdenden, App TikTok mithalten kann. Sogenannte „Reels“ nennt Facebook ab sofort bis zu 15 Sekunden lange Kurzvideos, die die Nutzer aufnehmen, mit Musik und Spezialeffekten versehen und der Community präsentieren können. Facebooks Bemühungen sind nachvollziehbar. Schließlich haben mittlerweile mehr als 2 Mrd. Menschen weltweit den Instagram-Konkurrenten TikTok installiert, mit 315 Mio. Downloads im ersten Quartal 2020 mehr als jemals jede andere App.

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Am kommenden Freitag, den 26. Juni sprechen wir ausführlich über Wirecard.

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Für den Pay-TV-Anbieter Sky kommt die Konkurrenz aus allen Richtungen. Seit 2016 ist der Sport-Streaming-Dienst DAZN aktiv. Und auf der anderen Seite wächst die Zahl der Serien- und Filme-Anbieter. Netflix, Amazon Prime und Disney sind starke Wettbewerber. Für den deutschen Mark ist Sky nun Entscheidendes gelungen: Am Montag bereits wurde der Kauf der überlebenswichtigen Bundesliga-Rechte verkündet. Auch der Erwerb von Formel-1-Rechten sowie die Produktion von deutlich mehr eigenen Serien wird das Angebot stärken. Das Management der deutschen Abteilung spricht von einer „neuen, großen Programmoffensive“. Besonders unter Druck stand Sky bei den Fußball-Übertragungen. Der Verlust der Champions-League wiegt hier sehr schwer. Die neuen Bundesliga-Rechte geben wieder Luft zum Atmen.

Die Sky-Gruppe gehört seit 2018 dem US-Konzern Comcast, der ordentliche Wachstumszahlen vorweisen kann. In den letzten 10 Jahren stieg der Umsatz um 11,79 Prozent pro anno, der Bruttogewinn um 11,34 Prozent und der Nettogewinn um 13,63 Prozent. Auch der Free Cash Flow konnte in den letzten Jahren stetig gesteigert werden, beläuft sich aktuell auf 12 Mrd. USD. Aktionäre profitieren von einer Dividende, die seit 2010 Jahr für Jahr wächst. Aktuell werden 34 Prozent des Gewinns und damit 0,86 USD pro Aktie ausgeschüttet. Die Bilanz jedoch verdient erhöhte Aufmerksamkeit. Zwar konnten die kurzfristigen Verbindlichkeiten in den letzten Jahren etwas reduziert werden, doch ist der Verschuldungsgrad von 1,23 relativ hoch und das Current Ratio von 0,87 relativ niedrig.

Verschuldung ist ein wichtiges Kriterium für den Management-Test

Ich bin nicht der Erste, der Sie darauf aufmerksam macht: Je höher die Schulden eines Unternehmens sind, desto größer ist auch das Potenzial für Betrug.

Wenn ein böswilliger Manager Geld aus dem Unternehmen ziehen will, kann er das Volumen seines Raubzuges erhöhen, in dem er zusätzlich zum Eigenkapital möglichst hohe Schulden aufnimmt. Sich von übertriebener Verschuldung fernzuhalten löst für uns Investoren also auch dieses Problem.

Ausgangspunkt solcher Betrugsversuche ist natürlich stets ein grundlegender Interessenkonflikt zwischen Manager und Aktionären. Beide wollen ihre finanziellen Vorteile maximieren, doch ihre Ziele sind nur teilweise identisch. Leider werden sich nur wenige Manager für die Aktie entscheiden, wenn es darum geht, entweder den Aktienwert zu steigern oder das eigene Vermögen.

Eine möglichst hohe Beteiligung am Unternehmen hilft an dieser Stelle und stärkt das Eigentümer-Mindset des Managements. Doch eine gesunde Dosis Skepsis sollten Sie sich bewahren, wenn Sie das Fundament eines Unternehmens bewerten wollen – vor allem in Fällen hoher Verschuldung.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Henning Lindhoff

Redakteur Der Privatinvestor

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