V, U oder L? Schwache Erholung erhöht das Kreditrisiko

+ aus der Praxis: Mit Kredithebel investieren: Eine gute Idee für Privatanleger?

von Henning Lindhoff, Redakteur Der Privatinvestor, am Dienstag, den 30. Juni 2020.

Die französische Zentralbank ärgert sich über die ausufernde Unternehmensverschuldung. In unserem Nachbarland ist der Schuldenstand der Firmen im April um 9,9 Prozent gestiegen. Ein Großteil dieser, während der Pandemie neu aufgenommenen, Schulden wird vom französischen Staat garantiert – im Fall der großen Unternehmen in Höhe von bis zu 80 Prozent. Die Zinssätze für Unternehmenskredite französischer Banken lagen im April durchschnittlich bei nur 1 Prozent. Dies ist der niedrigste Stand seit 2003. Die Banque de France warnt nun: „Der Anstieg der Unternehmensverschuldung könnte die Solvenz vieler Unternehmen beeinträchtigen, und dieses Risiko könnte sich noch verschlimmern, wenn die Erholung schwach ist und sich ihre Ratings verschlechtern. Eine starke Zunahme von Unternehmenskonkursen könnte wiederum die notleidenden Kredite der Banken erhöhen und den für die wirtschaftliche Erholung notwendigen Kreditfluss verlangsamen.“

Europas Geschäftsbanken werden für das zweite Quartal 2020 einen deutlichen Anstieg der zu erwartenden Kreditverluste ausweisen müssen. Zu dieser Erkenntnis gelangt die Ratingagentur Fitch Ratings in seinem neuesten „Large European Banks Quarterly Credit Tracker“. Europäische Banken hatten bereits vor Beginn der aktuellen Krise ein Rentabilitätsproblem. Das letzte Mal, dass die durchschnittliche Eigenkapitalrendite in diesem Sektor die 10-Prozent-Schwelle erreichte, war 2007. Zu dieser Zeit notierten auch viele Bankaktien auf ihrem All Time High. Seitdem hat der durchschnittliche Return on Equity der europäischen Banken dieses Niveau nicht annähernd wieder erreichen können. Er war sogar in drei von fünf Jahren nach dem Höchststand der Aktienkurse 2007 negativ: in den Jahren 2008, 2011 und 2012.

Die Pandemie-Lage belastet insbesondere Geschäftsimmobilien

Intu Properties, das 17 Einkaufszentren in Großbritannien besitzt, darunter 9 der 20 größten, ist unter Konkursverwaltung gestellt worden, nachdem die Gespräche mit seinen Gläubigern gescheitert waren. Mit einer Marktkapitalisierung von 13 Mrd. GBP in der Spitze vor über einem Jahrzehnt ist Intu das bisher größte britische Unternehmensopfer der Corona-Krise. Der nahende Untergang gefährdet 132.000 Arbeitsplätze, sowohl im Unternehmen als auch in den Tausenden von Geschäften, die es in seinen Einkaufszentren unterhält. Schulden in Höhe von 4,5 Mrd. GBP stehen zur Diskussion. Zuletzt wurden im Jahr 2017 rund 83 Prozent des damaligen Gewinns ausgeschüttet, um Aktionäre bei der Stange zu halten. Der Free Cash Flow lag letztmals 2016 in den schwarzen Zahlen. In den vergangenen 3 Jahren schrumpfte der Bruttogewinn um 5,15 Prozent pro anno.

Auch der Fracking-Vorreiter Chesapeake Energy musste Insolvenz anmelden. Nun soll gemäß Chapter 11 des US-Insolvenzrechts die Kapitalstruktur neu geordnet werden. Der Schuldenberg des Unternehmens ist gewaltig. Allein die langfristigen Finanzverbindlichkeiten übersteigen das gesamte Firmenvermögen um mehr als 17 Prozent. Kurios: Bilanzmathematisch schulden die Aktionäre dem Unternehmen nun sogar Geld. Das Current Ratio ist mit 0,8 wenig erfreulich. Das Geschäft mit Fracking-Gas und -Öl verlief in den letzten Jahren überaus schwankend. In den letzten 5 Jahren fiel der Umsatz um 16,5 Prozent pro anno. Der Bruttogewinn fiel in den vergangenen 10 Jahren um 10 Prozent jährlich. Doch Chesepeake steht nicht allein da wie der sprichwörtliche begossene Pudel. Die gesamte Branche steckt in einer schweren Krise. In diesem Jahr haben schon mindestens 20 Öl- und Gasproduzenten aus den Vereinigten Staaten Insolvenz angemeldet.

Und auch die US-Autoindustrie steht unvermindert unter Corona-Druck. Am 27. Juni haben mehrere Arbeiter zweier Werke von Fiat Chrysler in Detroit, aus Protest gegen die mangelhaften Corona-Sicherheitsmaßnahmen, ihre Arbeit niedergelegt. Drei Arbeitsschichten hintereinander lehnten es ab, die Produktion in der Jefferson North Assembly Plant (JNAP), wo 5.000 Arbeitnehmer beschäftigt sind, weiterzuführen. Auch im Sterling Heights Assembly Plant (SHAP) mit 7.300 Beschäftigten, wurde die Produktion am Samstag stillgelegt, nachdem Arbeiter von einem positiv getesteten Materiallieferanten, der Kontakt mit Produktionsarbeitern hatte, erfahren haben. In dem Werk hat es bisher fünf Tote unter den Arbeitern im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung gegeben.

Dass es in diesen Zeiten vor allem auch um das Image geht, hat Konkurrent Ford verstanden. Spätestens in 30 Jahren will der traditionsreiche Autobauer CO2-neutral produzieren. In Europa nutzt das Unternehmen in den Werken in Großbritannien, im rumänischen Craiova und in Köln bereits zu 100 Prozent regenerativ erzeugten Strom. Bis 2035 will das Unternehmen überall nur noch lokal bezogenen Strom aus erneuerbaren Energiequellen für alle seine Produktionsstätten weltweit zu nutzen. Bis 2022 will Ford 11,5 Mrd. USD in Elektrofahrzeuge investieren, in jeder PKW-Produktlinie soll mindestens eine elektrifizierte Version in Europa angeboten werden.

Fahrdienstvermittler Uber muss sich auf eine Sammelklage vorbereiten. Der kanadische UberEats-Fahrer David Heller möchte für sich und andere Chauffeure den Angestelltenstatus erstreiten. Trotz einer Schiedsgerichtsklausel in Hellers Vertrag darf dieser nun im kanadischen Ontario vor Gericht ziehen. Dies entschied der kanadische Supreme Court vor wenigen Tagen mit Verweis auf die grobe Benachteiligung durch Uber. Weitere Uber-Fahrer könnten Hellers Beispiel nun folgen. Uber selbst operiert noch tief in den roten Zahlen. Der operative Verlust liegt für die letzten 12 Monate bei 8,8 Mrd. USD, der Free Cashflow bei -4,7 Mrd. USD. Die Bilanz allerdings ist stabil. Der Verschuldungsgrad liegt bei 0,64 und das Current Ratio bei 1,68 für das letzte Quartal. Auch die Wachstumsstory ist trotz Krise intakt. Im letzten Quartal wurde der Umsatz um 14 Prozent, der Bruttogewinn um 22 Prozent gesteigert.

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Hoffnung wächst auch in der Luft. Boeing verkündete den ersten Flug einer 737 Max seit mehr als einem Jahr. Am gestrigen Montag hob in Seattle eine Maschine für einen Testflug zur Neuzertifizierung ab. Weitere Testflüge sollen folgen, um das umstrittene Flugzeugmodell eines Tages doch wieder im Normalbetrieb fliegen lassen zu können. Nachdem die 737 Max seit März 2019 nicht mehr starten darf, fiel der Umsatz um 24,2 Prozent im Gesamtjahr 2019 sowie um weitere 26,2 Prozent im letzten Quartal. Der Bruttogewinn stürzte um 163 Prozent. Der Free Cashflow war zuletzt 2018 positiv. Die Ausschüttungsquote wurde 2019 von 38 auf 120 Prozent hochgetrieben, um Aktionäre bei Laune zu halten. Die langfristigen Verbindlichkeiten kennen seit 2018 nur noch eine Richtung: aufwärts.

Die letzte Story präsentiere ich Ihnen heute aus dem Tech-Sektor. Hardware-Produzent Lenovo aus Hongkong hat unter den Namen „M75n“ und „M75n IoT“ zwei neue ThinkCentre-Systeme vorgestellt, die vor allem durch ihre geringe Größe überzeugen sollen. Bei M75n handelt es sich um einen Desktop, dessen Gehäuse 179 mm x 88 mm × 22 mm misst und nur rund 505 g wiegt. Beim Prozessor hat Lenovo sich für einen Ryzen 3 Pro 3300U bzw. einen Ryzen 5 Pro 3500U, beide von AMD, entschieden. Der CPU stehen in beiden Rechnern 8 GByte Arbeitsspeicher zur Seite. In den USA wird der M75n mindestens 539 USD und der M75n IoT mindestens 329 USD kosten.

Lenovo selbst ist von der Corona-Krise nicht verschont geblieben. Im letzten Quartal schrumpfte der Umsatz um mehr als 24 Prozent, der Bruttogewinn um 61 Prozent. Die Margen jedoch wurden stabil gehalten. Lenovo wirtschaftet profitabel. Der Free Cashflow wurde zuletzt sogar um 60 Prozent gesteigert. Der Verschuldungsgrad ist mit 0,46 gesund.

Mit Kredithebel investieren: Eine gute Idee für Privatanleger?

Bei einem Wertpapierkredit verpfändet ein Anleger seine Wertpapiere und bekommt dafür Geld geliehen. Da es sich um einen Kredit handelt, wird das Geld aus dem Nichts erschaffen, muss aber auch wieder vernichtet werden, wenn der Pfand, in diesem Fall die Wertpapiere, zu wenig wert ist. Sie wissen, werte Leser, die Geldanlage in Aktien kann riskant sein. Sie können im schlimmsten Fall alles verlieren. Ein Wertpapier kann daher auch eines Tages absolut wertlos werden. Genau deshalb sorgen die Banken für sich vor und bauen hier eine Sicherheitsmarge ein. Für DAX-Aktien beispielsweise erhalten Kreditnehmer rund 70 Prozent des aktuellen Kurses, für chinesische Titel ca. 30 Prozent. Andere Regionen und Märkte werden von den Banken als noch unsicherer bewertet.

Gehen wir nun einmal davon aus, ein Beispiel-Anleger namens Bernd besitzt 1.000 Aktien von BASF. Am gestrigen Montag schloss die Aktie bei 50,12 EUR. Das macht einen aktuellen Gegenwert von 50.120 EUR. Von seiner Bank erhält Bernd nun 70 Prozent dieser Summe als Kredit, also 35.084 EUR. Von diesem Geld kauft er 1.000 Aktien des DAX-Unternehmens Covestro zum Kurs von 34,42 EUR. Bernd besitzt nun also verpfändete BASF-Aktien im Wert von 50.120 EUR sowie Covestro-Aktien im Wert von 34.420 EUR. Auch diese Covestro-Aktien kann er nun verpfänden. Er erhält von seiner Bank abermals 70 Prozent des Gegenwertes, also 24.094 EUR. Dieses Geld investiert er in 1.000 Aktien von Infineon zum Kurs von 20,54 EUR…

Gut, Sie wissen, worauf ich hinaus will. Das Spiel kann mehrfach wiederholt werden. Mittels zweier Kreditanträge und zweier Transaktionen bereits hat Bernd den Wert seines Aktiendepots von 50.120 EUR auf 108.634 EUR mehr als verdoppelt. Solange die Kurse stabil seitwärts verlaufen oder sogar steigen, sieht das wunderbar aus für unseren Beispiel-Anleger.

Doch nicht vergessen: Bernd hat 100 Prozent seiner BASF-Aktien und 100 Prozent seiner Covestro-Aktien verpfändet, aber jeweils nur 70 Prozent des Gegenwerts als Kredit erhalten. Und leider haftet Bernd mit seinem gesamten Privatvermögen für dieses geliehene Geld. Beginnen eines Tages die Aktienkurse zu fallen, wird seine Bank ihn nur kurz darauf aufmerksam machen, dann aber recht zügig damit beginnen, die als Sicherheit verpfändeten Aktien zu veräußern. Je schneller der Wagen auf der Börsen-Achterbahn nach unten saust, desto schneller dreht sich auch die Verkaufsspirale. Die Erlöse pro Verkauf sinken dabei proportional zur steigenden Verkaufspanik an den Börsen. Letzten Endes bleiben im schlimmsten Fall nur noch die Schulden übrig. Und dann greift die Bank womöglich auch zum kleinen Reihenhäuschen, das Bernd für sich und seine Familie vor kurzem noch erstanden hat.

Die Moral von der Geschicht‘? Missbrauchen Sie die Börse als Casino nicht!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Henning Lindhoff

Redakteur Der Privatinvestor

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